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Iweala: Fiktion - Nonfiktion - 17/03/2008 10:15 Ich habe hier ja schon geschrieben, dass ich so ein Störgefühl habe durch die deutschsprachige Kritik zum Buch und dabei durch eine an sich positive Kritik: Da habe ich mehrfach gelesen, dass man kein anderes Buch mehr zum Thema braucht (also genannt werden dabei Erfahrungeberichte wie die von Ismael Beah oder China Keitetsi, ob auch ein fiktiver Roman wie "Allah muss nicht gericht sein" von Amadou Kourouma gemeint ist, weiß ich nicht).

Andererseits stellt sich ja die Frage (durchaus für dieselben Kritiker), kann man über so ein Thema überhaupt einen fiktiven Roman schreiben.

Bartholomäus Grill spricht diese beiden Punkt ja sehr deutlich in der Kritik in der ZEIT an:

Kann man einen Roman über Kindersoldaten schreiben? Uzodinma Iweala kann es... und er endet mit Am Ende seiner Geschichte steht dennoch ein hoffnungsvoller Satz. Wer ihn liest und das Buch von Uzodinma Iweala zuklappt, muss kein anderes mehr zum Thema lesen. All die Versuche von ehemaligen Kindersoldaten, ihren Leidensweg authentisch zu schildern, verblassen neben diesem grandiosen und furchterregenden Roman zur kümmerlichen Kolportage.

http://www.zeit.de/2007/33/KA-Mittelstueck

(diese letzte Aussage von Grill wird immer wieder von anderen Rezensienten zitiert)

Ich frage mich ob es sinnvoll ist beides (fiktiver Roman - Erlebnisberichte) gegeneinander aufzuwiegen, Iweala selbst sagt ja, dass er selbst diese Erlebnisberichte herangezogen hat zur Vorberéitung und dass er sich ja auch in einem bestimmten Sinne in einer Linie mit ihnen sieht, als Gruppe von Menschen, die etwas tun wollen gegen das Elend der Kindersoldaten.
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Re:Iweala: Fiktion - Nonfiktion - 17/03/2008 12:37 Mir missfällt das Wort "Kolportage" in Grill's Besprechung.
Ich würde diesen Begriff eher für den Roman Iwealas verwenden -
schließlich möchte er mit seinem Thema wachrütteln, mithelfen, die Kindersoldaten wieder in ein lebbares Leben zurückzuführen, wie die Prediger in der neuen Literatur Afrikas mit denselben oder ähnlichen "Botschaften", wie die Prediger seinerzeit ( Bibelforscher), die man
Kolporteure nannte...
Dabei hat er den Roman als Transportmittel gewählt, was es ihm mehr ermöglichte, als z.B. Beah,
Distanz zu halten zu den Schrecknissen. Beah hingegen rang sich ab, das Unaussprechliche in Worte zu fassen, jedes grausige Detail erinnernd, qualvoll
nocheinmal alles durchlebend, was ihn der menschlichen Gemeinschaft seinerzeit entrückte.
Ich frage mich, ob ausgerechnet ein junger Autor aus besten Verhältnissen stammend, sich eines solchen Themas bemächtigen muss, Sprache eines Betroffenen nachahmend, die dann innerhalb einer Literaturwertung als eindringliches Stilmittel empfunden und gewürdigt wird. Denn dann spricht man ja über "Literatur", nicht über die grausamen Tatbestände, die sich in Sprache gossen...
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Re:Iweala: Fiktion - Nonfiktion - 17/03/2008 14:43 Ich habe keinen dieser Erlebnisberichte gelesen, kann mir deshalb zu deren Qualität kein Urteil erlauben.

Gerade weil diese Berichte nicht zu meiner Lektüre gehören, mich der Roman aber nicht nur interessiert, sondern geradezu fasziniert hat, kann ich aber sagen, dass ich es unangebracht finde, einen solchen urteilenden Vergleich anzustellen.

Kann man diese Werke miteinander vergleichen? Sollte man als konkurrierend zueinander, um Qualitätsurteile, aber auch um Leserschaft, betrachten?

Für mich sind das einfach grundverschiedene Genres, die natürlich auch unterschiedliche Leser bzw. unterschiedliche Bedürftnisse von Lesern ansprechen.

Ich habe das Buch schon als literarisches Kunstwerk gelesen. Ich habe deshalb auf die Sprache geachtet, auf die Struktur, auf den Einsatz von Stilmitteln. Und mir angesichts des grauenvollen Inhaltes dann schon die Frage gestellt, ob man, wie es im Klappentext heißt, diese Erlebniss "auf das Niveau poetischer Kunst" heben kann - darf. Ich komme wie Grill zu der Einschätzung, dass Iweala das kann - und deshalb auch darf.

ABER das heißt für mich noch lange nicht, dass künstlerisch weniger wertvolle Werke deshalb weniger lesenswert sind.

Erschwert wird diese Diskussion dann meiner Meinung noch dadurch, dass ja einige der angeblichen Lebensgeschichten sich als nicht ganz authentisch erwiesen, ihr Wahrheitsgehalt jedenfalls umstritten ist. Es sieht jetzt so aus, als wenn in Teilen erlogene "Lebensgeschichten" einem überzeugend erfundenen Schicksal gegenübersteht, was die Situation vereinfacht und verzerrt darstellt.

Denn weder sind alle Erfahrungsberichte erfunden, noch liest man einen/diesen Roman, um (sachlich) über die Problematik informiert und als Kämpfer für ihre Beseitigung aktiviert zu werden. Ich lese Romane, um berührt zu werden. Berührt zu werden von einer Geschichte, die wahr ist, ohne dass sie sich so zugetragen haben muss, oder manchmal gerade zutiefst wahr ist, weil sie sich so nicht zugetragen hat.

Post geändert von: Helga, am: 17/03/2008 14:46
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Re:Iweala: Fiktion - Nonfiktion - 17/03/2008 15:19 Ich würde diesen Begriff eher für den Roman Iwealas verwenden -
schließlich möchte er mit seinem Thema wachrütteln, mithelfen, die Kindersoldaten wieder in ein lebbares Leben zurückzuführen, wie die Prediger in der neuen Literatur Afrikas mit denselben oder ähnlichen "Botschaften", wie die Prediger seinerzeit ( Bibelforscher), die man
Kolporteure nannte...
Dabei hat er den Roman als Transportmittel gewählt, was es ihm mehr ermöglichte, als z.B. Beah,
Distanz zu halten zu den Schrecknissen. Beah hingegen rang sich ab, das Unaussprechliche in Worte zu fassen, jedes grausige Detail erinnernd, qualvoll
nocheinmal alles durchlebend, was ihn der menschlichen Gemeinschaft seinerzeit entrückte.


Ich finde, dass Iweala das auch tut - das Unaussprechliche in Worte fassen, grausige Details beschreiben, sie ganz nahe an den Leser heranbringen. Ich sehe Iweala keineswegs als Prediger, sondern als jemanden, der uns den Menschen Agu zeigt, zerrissen wie er ist, in einer Weise, die uns diese Zerrissenheit unmittelbar spüren lässt.

Dass Iweala erklärt, dass er sich als einer von vielen unterschiedlichen Akteuren sieht, die etwas gegen das Elend der Kindersoldaten tun wollen, heißt für mich nicht, dass er deshalb predigt oder missionarisch tätig ist (Begriffe, die ich im übrigen nicht zwingend im Zusammenhang mit Kolportage oder Kolporteuren sehen würde). Er arbeitet mit ganz anderen Mitteln. Mit den Mitteln des Romans, der Literatur, der Kunst.

Ich frage mich, ob ausgerechnet ein junger Autor aus besten Verhältnissen stammend, sich eines solchen Themas bemächtigen muss, Sprache eines Betroffenen nachahmend, die dann innerhalb einer Literaturwertung als eindringliches Stilmittel empfunden und gewürdigt wird. Denn dann spricht man ja über "Literatur", nicht über die grausamen Tatbestände, die sich in Sprache gossen...

Diese Frage scheint mir zunächst angebrachter als die Frage, ob man neben einem solchen Roman überhaupt noch Erlebnisberichte zum Thema lesen muss. Zunächst, will heißen: VOR Lektüre des Romans. Denn wenn man Iweala gelesen hat, dann erübrigt sich aus meiner Sicht die Frage, ob man so etwas erlebt haben muss, um es be-schreiben zu können. Vielleicht ist es das, was Grill eigentlich sagen wollte...

Post geändert von: Helga, am: 17/03/2008 15:49

Post geändert von: Helga, am: 17/03/2008 15:55
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Re:Iweala: Fiktion - Nonfiktion - 17/03/2008 16:02 Wenn man z.B. Beah nicht gelesen hat, sollte man nicht vergleichen, wie Du ja schon selbst angeregt hattest.
Beahs Geschichte ist keine Reportage, kein Bericht, wie Du das verstehst, sondern wird auch zur "Literatur" gezählt.
Was nun Literatur ist oder sein sollte, haben wir hier ja noch nicht besprochen, bzw. für "uns" festgelegt.

Ich nehme zur Kenntnis, Helga, was Du für unangebracht hältst - und gebe Dir zurück, dass "ich" es für angebracht halte, über den Eindruck hinaus, den
Du gewonnen hattest anhand "Deiner" Kriterien, Deines Anspruchs, zu kritisieren,
dass ich eine andere Lesart diesbezüglich habe als Du.

Es gibt, das solltest Du schon wissen, verschiedene Herangehensarten, Vergleichsmöglichkeiten bei der Besprechung von Texten. Vor allem sollte eine Besprechung nicht dahingehend ausarten, andere Leser, deren mögliche Interessen, deren Qualitätsansprüche an Texte, daraus resultierende Empfindungen, etc. als
Deinen nicht gemäß oder eben nur andersartig darzustellen.

Wenn auch die Genres sehr verschieden zu sein scheinen, so umfassen sie doch das geschriebene Wort, Stile, spezielle oder nicht spezielle Ausdrucksmittel, eingeflossene Bewertungen durch den Autor, Anliegen, literarische " Strömungen", Hintergründe.

Auch weiß ich nicht, ob man, bevor man ein Buch liest, schon den Vorsatz haben sollte, haben kann, es als "literarisches Kunstwerk" zu lesen. Ich haben den Vorsatz nie und ich lasse mich auch von noch so renommierten Buchbesprechern nicht verleiten, ein Buch zu lesen, unter bestimmten "Vorzeichen" zu lesen.
Jeder selektiert auf seine Weise, was er lesen möchte. Das möchtest Du schon zur Kenntnis nehmen. Auch, dass ich, so oft ich lese, fast alles lese.
Das hat eben andere Beweggründe als Du sie hier von Dir behauptest. (Das zur Erklärung, dass Dein Anspruch, Deine Beweggründe, z.B. "Nigerikaner" zu lesen, keinen Absolutheitsanspruch erheben sollten.

So müsste man sich an dieser Stelle nach meiner Meinung nicht dazu äußern, ob Lebensgeschichten "wahr" oder durch europäische/amerikanische Auftragsschreiber verfälscht wiedergegeben werden. Wer einen Roman "selbst" schreibt, kommt da viel weniger in Gefahr. Denn seine Fiktionen werden gerne geglaubt, wie sich immer wieder zeigt. Es kommen da ja höchstens "Stilkritiken", bzw. die nicht "wahre" oder in der Form nicht wahre Geschichte wird als "literarisches Kunstwerk" - wie im vorliegenden Falle - wahrgenommen.

Warum?

Deine Erklärung, was Dich berührt, sagt mir nicht genug. Wie kommst - Du speziell - nämlich dazu, dass Dich dieser Text "berührt"?

Mich berührt da nicht das Wissen, dass eine evtl. nicht wahre Geschichte wahr sein könnte, sondern ich bin berührt, wenn ich meine eigenen Ansprüche
an das Werk stellen , sie mit meiner Skepsis, meiner Phantasie zu neuem Leben erwecken kann, d.h. im Text finde ich etwas, was auf einen "normalen, alltäglichen" Erfahrungsbereich zurückführbar ist, aber gleichzeitig die Begrenztheit des menschlichen Horizonts aufweist, auf die Möglichkeiten des Anders-Seins, Anders-Denkens, Anders-Fühlens hinweist, indem er die unterdrückten Erfahrungen meines/unseres Lebens wachruft.

Im beschriebenen Sinne "berührt" bin ich vom vorliegenden Werk also nicht,
was auch mit dem von mir empfundenen Mangel an subtilen sprachlichen und Kommunikationsstrukturen zusammenhängt.

Nimm meine Ausführungen zum Werk bitte nicht zum Anlass, mir zu widersprechen. Es ist etwas höchst Persönliches, einen Text auf sich wirken zu lassen, zu Bewertungen zu kommen, so dass die "einfache" Kenntnisnahme
der Darstellungen genügt.
Es sei denn, es werden hier fachlich und sachlich einwandfreie, bestimmten
anerkannten Regeln der Buchbesprechung folgende "Argumente" zu Tage gefördert, was ich aber stets hier vermisse.

Denn Vorschläge wurden nicht gemacht, eine Einigung darüber, wie das Werk besprochen würde - es gibt ja viele Ebenen, die Interpretationsmöglichkeiten bieten - wurde hier zuvor nicht erzielt.
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Re:Iweala: Fiktion - Nonfiktion - 17/03/2008 16:10 Nimm meine Ausführungen zum Werk bitte nicht zum Anlass, mir zu widersprechen.

Wo bitte habe ich das gemacht?

Ich habe über meine Eindrücke und Empfindungen geschrieben, so wie Du über Deine.

Dass ich Deinen Text dazu als Anregung aufgegriffen habe, um an den von Dir genannten Punkten anzuknüpfen, dafür muss ich insofern um Dein Verständnis bitten, als das doch wohl Sinn einer öffentlich geführten Buchdiskussion ist.

Oder führen wir hier aneinandergereihte Monologe? Das "neue" Format in Reinkultur?
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