Jeanette Winterson - Stories and History - 22/03/2008 15:16Beim Aufräumen ist mir "Oranges Are Not the Only Fruit" von Jeanette Winterson in die Hände gefallen. Da habe ich noch einmal die Stelle herausgesucht, an der sie sich in diesem Buch mit dem Thema stories versus history oder auch fiction versus facts befasst.
"Of course that is not the whole story, but that is the way with stories; we make them what we will. It's a way of explaining the universe while leaving the universe unexplained, it's a way of keeping it all alive, not boxing it into time. Everyone who tells a story tells it differently, just to remind us that everybody sees it differently. Some people say there are true things to be found, some people say all kinds of things can be proved. I don't believe them. The only thing for certain is how complicated it all is, like string full of knots. It's all there but hard to find the beginning and impossible to fathom the end. The best you dan do is admire the cat's cradle, and maybe knot it up a bit more. History should be cats play. Claw it, chew it, rearrange it and at bedtime it's still a ball of strings full of knots. Nobody should mind. Some people make a lot of money out of it. Publishers do well, chirldren, when bright, can come top. It#S an all-purpose rainy day pursuit, this reducing of stories called history.
People like to seprarate storytelling which is not fact from history which is fact. They do this so hat they know what to believe and what not to believe. This is very curious. How is it that no one will believe that the whale swallowed Jonah when every day Jonah is swallowing the whale? I can see them now, stuffing down the fishiest of fish tales, and why? Because it is history. Knowing what to believe had its advantages. It built an empire and kept people where they belonged, in the bright realm of the wallet..."
Post geändert von: Helga, am: 22/03/2008 15:27
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Johanna
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Re:Jeanette Winterson - Stories and History - 22/03/2008 15:37Wie gesagt, ich kann deine Gedankengänge dazu schon nachvollziehen.
Es kommt immer auf die Umstände an.
Wenn jemand ein Buch schreibt, das Teil einer Lösung sein soll, dann ist das etwas Anderes.
Bevor man eine Lösung erwägt muss man ein echtes Problem haben, es halbwegs analysiert haben, und dann kann man drangehen, Lösungswege zu suchen und zu erörtern.
Steht eine Geschichte nur als reine Geschichte da, als geistiger Wanderweg, als Entdeckungsreise in die Innenwelt eines Schriftstellers, als reine Möglichkeit des Denkens, des Seins, dann ist das ein anderes Kapitel.
Nimmt man für solche Wanderungen das Leid echter Menschen aus Fleisch und Blut als Grundlage heran, dann wird es für mich grenzwertig - es sei denn, jemand stellt sein eigenes Schicksal freiwillig in den Raum.
Darf ich mich ins Innere von vom Schicksal gebeutelten Menschen hineinversetzen, nur um etwas zu fühlen, zu erfahren, ohne daraus eine Konsequenz zu ziehen?
Befreit mich in diesem Fall die Fiktion von einer Verantwortung?
("The Passion" hab ich schon zuhause, noch unangelesen. Auch Vorfreude ist etwas wert.)
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Helga
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Re:Jeanette Winterson - Stories and History - 22/03/2008 16:17Darf ich mich ins Innere von vom Schicksal gebeutelten Menschen hineinversetzen, nur um etwas zu fühlen, zu erfahren, ohne daraus eine Konsequenz zu ziehen?
Mir ist das zu allgemein.
(Inwiefern) vermisst Du im Falle Iwealas Konsequenzen?
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Johanna
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Re:Jeanette Winterson - Stories and History - 23/03/2008 13:06Iweala hat als Konsequenz zu seinen Gefühlen beim Zusammentreffen mit einem Kindersoldaten beschlossen, darüber zu schreiben.
Es hat ihn aufgewühlt, er hat das Gefühl darüber reden zu müssen.
Das ist für mich nachvollziehbar.
Dieses öffentliche Aufschreien sei Teil einer Lösung, meint er, und das kann ich nicht nachvollziehen.
Wenn jemand eindrückliche Dinge erlebt oder miterlebt, dann kann das Bedürfnis sich mitzuteilen sehr stark sein.
Der eine sucht sich dafür ganz spezielle Personen, denen er vertraut, der andere macht einen öffentlichen Aufschrei, sei es in Form einer Dokumentation oder über den Weg der Fiktion.
Suche ich mir privat Vertrauenspersonen, dann vertraue ich diesen auserwählten Personen dieses Schicksal an, in der Hoffnung, sie würden es nicht missbrauchen, sie würden verstehen, mich dadurch weniger einsam machen.
Mache ich so etwas öffentlich, dann setze ich dieses Schicksal wahllos der breiten Masse aus.
Iweala meint nun, das würde "awareness" schaffen, würde die Augen der Leser öffen.
Diese Erkenntnis würde in letzer Konsequenz zu einer wie immer gearteten Lösung führen.
Diesen Schritt kann ich nicht nachvollziehen.
Die Fiktion macht es dem Leser noch leichter als die Dokumentaion, sich von den Personen zu distanzieren - sie existieren ja nicht, trotzdem sie auf dieser Welt hunderttausendfach existieren.
Und dabei bewirkt nicht einmal die Dokumentation letzendlich irgendwas.
Was könnte denn in diesem Fall eine Lösung sein?
Dass man Gesetze erläßt, die eine Altersgrenze für Mord und Totschlag zwingend festsetzt, weil bei einem Alter über beispielsweise 16 oder 18 Jahren akzeptabel ist was bei einem Alter darunter schadet?
Solche Gesetze gibt es bereits. Das Grauen über einem bestimmten Alter ist in Ordnung, schadet nicht mehr.
Weiter reichende Konsequenzen wird es nicht geben.
Wir leben in einer Welt, in der "awareness" Teil unseres täglichen Lebens ist.
Heute ist Ostersonntag, wie jedes Jahr.
Wir zelebrieren das Leben und die grausame Ermordung eines Menschen regelmäßig als unseren gewohnten Jahresablauf, dazu den Lichtblick seiner Auferstehung.
Und unabhängig davon, ob diese Geschichte Fiktion ist oder nicht hat sie nie zu irgend einer Konsequenz geführt, die über das Zelebrieren hinausgeht.
Wir erinnern das Leben und Sterben Christi jedes Jahr, erleben Folter und Ermordung immer wieder mit, und machen als Christen trotzdem tagtäglich damit weiter, bis heute.
Für mich pervertiert das den Sinn der Erzeugung eines Bewusstseins.
Ich lasse etwas mich von einer Geschichte anrühren, nur weil ich etwas in mir spüren möchte, beute so die Betroffenen aus..... - ich finde die richtigen Worte dafür einfach nicht. Tut mir leid.
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Helga
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Re:Jeanette Winterson - Stories and History - 23/03/2008 14:16Und unabhängig davon, ob diese Geschichte Fiktion ist oder nicht hat sie nie zu irgend einer Konsequenz geführt, die über das Zelebrieren hinausgeht.
Kennst Du keinen einzigen Menschen, der aufgrund seiner christlichen Überzeugung ein besseres (im Sinne von höheren moralischen Ansprüchen gerecht werdendes) Leben führt?
Das Folter und Mord auch in der christlichen Welt existieren, heißt doch nicht, dass der christliche Glauben keinerlei Konsequenzen hatte oder hat. Und selbst dass er auch negative Konsequnezen hat(te), heißt nicht, dass es die positiven Konsequenzen sowohl auf individueller als auch auf kollektiver Ebene nicht gibt oder gab.
Mit Deiner Art von Generalpessimismus kann man wirklich alles abtun.
Aber dann aus der eigenen pessimistischen Passivität (oder dem passiven Pessimismus) heraus denjenigen, die aus ihrer persönlichen Betroffenheit ihren Fähigkeiten entsprechend die Konsequenz ziehen, zu schreiben sowie denen, die das Geschrieben lesen, Ausbeutung vorzuwerfen, das finde ich sehr ungerecht.
Wie siehst Du das denn bei Achebe? Hat das durch Things Fall Apart geschaffene Bewusstsein nichts bewirkt? Hat er gar mit diesem Buch oder der Trilogie die Opfer des Kolonialismus ausgebeutet? Beuten die Leser die Schicksale der eigentlich Betroffenen aus, wenn sie deren Hilflosigkeit und Verzweiflung spüren?
Post geändert von: Helga, am: 23/03/2008 14:17
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Johanna
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Re:Jeanette Winterson - Stories and History - 23/03/2008 15:18Helga,
Du kannst nicht wissen, ob mein Pessimismus passiv ist, oder ob ich eine pessimistische Passive bin.
Du weißt nicht, was ich tue, willst es auch nicht wissen.
Mit solchen Urteilen sollte man vorsichtig sein.
Was den Rest angeht, deine Frage zu Achebe und auch die ganz allgemeine Frage, so stellt sich mir da die Frage, warum wir überhaupt erfahren/wissen wollen, was uns dazu bewegt uns berühren zu lassen, und warum es oft einfacher ist, sich von Fiktion berühren zu lassen, oder auch warum das Selbe gar nicht jeden gleichermaßen berührt (- wohl der Grund dafür, dass eine Lösung nicht möglich ist.)
Als unsere Klasse den Film "Aguirre, der Zorn Gottes" angesehen hat, wir waren um die 15 Jahre alt, haben viele meiner Klassenkameraden die Szenen, in denen Köpfe abgeschlagen wurden einfach nur witzig gefunden, wo mich der Film völlig erschüttert hat.
Sie fanden das alles lustig, fanden nichts Schlimmes an der ganzen Sache, an Unterdrückung und Mord. Es war Unterhaltung, nicht Bewusstseinsschaffung.
Ich kann nicht sagen, dass ich jemanden kenne, der auf Grund seiner christlichen Überzeugung einen hohen moralischen Anspruch an sich selber hat. Ich kann diese Menschen ja nicht in einer Versuchsreihe ohne die Einwirkung des christlichen Glaubens gegenbeobachten.
Und ich versuche nicht "abzutun". Ich sage nur, was ich mir dazu denke, was mir durch den Kopf geht.
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