ikarus mädchen - oyeyemi - 12/02/2009 22:46also ich finde deinen vorschlag gut, dass wir alles in einem thread diskutieren. gelesen habe ich die deutsche übersetzung von anne spielmann.
wir wollten ja mit dem gesamteindruck beginnen. also ich bin auf jeden fall beeindruckt, dass eine 19jährige frau so ein dickes buch geschrieben hat. auch an die übersetzung habe ich mich gewöhnt und sie beim weiteren lesen nicht mehr so schlecht gefunden.
warum heißt die story ikarus child? wegen dem fallen? das verstehe ich nicht. auch andere dinge hab ich nicht ganz kapiert: wer war die frau mit den langen armen? der zwilling von tillytilly? und in welchem verhältnis steht tillytilly überhaupt zu der familie?
am beginn der lektüre habe ich mir mit den yorubanamen (sind es überhaupt welche?) schwer getan. igbonamen sind mir viel vertrauter.
gefallen haben mir die stellen im text, in denen so bildartig die wörter untereinander geschrieben wurden. weißt du was ich meine?
leider habe ich das mit dem bleistift verschissen, aber gegen ende des buches habe ich mir ein eselsohr gemacht: da sagt der opa zu wuraola:"wenn einer jung stirbt, dann ist sein feind gestorben" - das ist auch erklärungsbedürftig für mich.
der gesamteindruck: mich hat es ein bisserl an die nigerianischen movies erinnert, in denen gruselgeister vorkommen.
wann hast du das buch gelesen?
über die zwillinge können wir uns wohl noch ausgiebig unterhalten. kannst du dich noch an die 3 welten erinnern? eine davon war der bush.
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Johanna
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Re:ikarus mädchen - oyeyemi - 13/02/2009 10:46Ich finde es ebenso bemerkenswert, dass ein so junges Mädchen ein solches Buch schreiben kann. An nigerianische Movies erinnert es mich nicht. Ich kenne dazu zu wenige und schon gar keine mit Gruselgeistern.
Das Buch gut verfilmt kann ich mir aber gut vorstellen, wohl gemekrt GUT verfilmt, also wohl kaum als Nollywood-Filmchen. Da fehlten auch bei bestem Willen schon allein die nötigen Spezialeffekte. Als Anime, gezweichnet von qualifizierten Zeichnern, das ginge sicher auch wunderbar.
Über den Titel des Buches habe ich mir auch schon den Kopf zerbrochen, und ich denke, du bist da nah dran. Jessamy sagt einmal zu Tilly, im Verlauf des Grübelns darüber, was die beiden später werden wollen, sie würde fliegen wollen, selbst fliegen, nicht im Flugzeug. Das stelle sie sich so vor, wie fallen, nur umgekehrt. Tilly verspricht ihr dann, dass sie das wird. Das Thema fliegen und fallen wiederholt sich im Buch auch regelmäßig.
Am Stil gefällt mir besonders die "Innensicht", die speziell dann zum Ausdruck kommt, wenn Jess erst etwas denkt, dann etwas anderes sagt. Das Kind versteht äußerlich, was von ihm gefordert wird, kann es aber innerlich nicht mit sich vereinbaren, lebt im ständigen Konflikt damit, was es sein soll und was es ist. Es liest die es umgebenden Menschen und versucht sich nach Kräften zu fügen, während es sich innerlich immer weiter von ihnen entfernt.
Was die Namen angeht, so sind mir diese Yorubanamen ebenso vertraut wie die Igbonamen, Das macht für mich keinen Unterschied. Das Eintauchen in die Welt der Yoruba empfinde ich hier als sehr natürlich und selbstverständlich, ein Ruhen in sich selbst, das ich bei einigen anderen Romanen von Nigerianern vermisse.
Die verschiedenen Welten Nigeria und England hat Helen Oyeyemi als Kind selber erlebt und verarbeiten müssen, genau wie Jessamy das muss.
Dass das Mädchen Jessamy hier einen englischen Vater hat ist bemerkenswert und auch klug gewählt. Es stellt die Hauptperson automatisch in die Position eines Menschen zwischen den Welten, ohne ihr eine Lebensgeschichte wie die eigene andichten zu müssen. Jess wird in die Konflikte schwarz-weiß, Europäer-Afrikaner hineingeboren und muss sich damit auseinander setzen. Mich erinnert diese Wahl automatisch an Abanis "Graceland", der seine eigene weiße, englische Mutter im Roman durch eine Igbo-Mutter ersetze, die er früh sterben ließ.
Das europäisch-afrikanische in Afrika lebende Kind erdichtet eine afrikanische Mutter, die es nie hatte, um sich selbst völlig als Afrikaner zu identifizieren, das afrikanische, in Europa lebende Kind erdichtet im Gegenzug einen europäischen Vater, um sich als schwarzes europäisches Kind wieder zu finden.
da sagt der opa zu wuraola:"wenn einer jung stirbt, dann ist sein feind gestorben" - das ist auch erklärungsbedürftig für mich.
Das sagt mir gerade nichts. Wo genau ist denn diese Stelle?
Ich lese das Buch gerade jetzt wieder, bin aber noch nicht ganz fertig.
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Johanna
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Das Zwillingsthema - 13/02/2009 11:16Das Thema Zwilling bei den Yoruba ist Kernthema der eigentlichen Erzählung. Zwillinge haben dort einen besonderen Stellenwert und ein besonderes Leben. Sie wandeln in drei Welten, hier, in der Geisterwelt und in der Wildniss. Sie beitzen eine gemeinsame Seele, und kommen aus dem Gleichgewicht, wenn einer der Zwillinge früh stirbt. Deswegen wird eine hölzerne Figur an Stelle des toten Zwillings in die Familie aufgenommen, in dem der Geist des verstorbenen Zwillings in der Familie weiterlebt. Sie wird betreut wie ein lebendiges Kind.
Was ich hier im Roman etwas sonderbar finde, ist, dass einerseits diese Tatsache als gegeben, als real, angesehen wird, andererseits wird nicht nur von der in England lebenden Mutter, sondern auch vom in der Selbstverständlichkeit der Yoruba lebenden Großvater hier die Tradition gebrochen, indem das Kind Jessamy nicht Taiwo genannt wird, sonder Wuraola, und die verstorbene Schwester statt dem vorgesehenen Namen Kehinde gar keinen Yoruba- Namen bekam. Noch sonderbarer ist, dass auch Tilly keinen der beiden Namen trägt.
Über die Identität dieser Tilly erhält man bis zum Schluss keine Klarheit. Ich denke, Tilly muss ein überlebender Zwilling einer Bediensteten von Jessamys länger zurückliegenden Vorfahren gewesen sein. Der Hass auf die Portugiesen spricht dafür. Ihr selbst gemachter Ibeji steht noch im Boysquarter des Großvaters, aber keiner weiß davon. Sie selber starb wohl als Kind und hat als Geist solange gewartet, bis sich die unvorbereiteten Jessamy, die ohne Ibeji Statue völlig ungeschützt ist, als leichte Beute anbietet, um ins reale Leben zurück zu kehren, an Stelle ihres Opfers.
Was die Yoruba-Tradition über die Geister von zweitverstorbene Zwillingen aussagt, weiß ich leider nicht. Vielleicht würde das Wissen darüber die Figur der Titiola endgültig entschlüsseln, vielleicht ist sie aber auch der Phantasie Oyeyemis entsprungen, eine Mischung aus Möglichkeiten verschiedenster, auch europäischer/englischer Geisterbildungsmöglichkeiten.
Eindeutig ist die Angst des lebenden Zwillingskindes vor dem toten, die sich in Jessamys Fall letzendlich als unbegründet erweist.
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Johanna
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Die Frau mit den langen Armen... - 13/02/2009 11:21...in Jessamys Träumen ist wohl der Geist von Fern. Jedes als Einzelkind überlebende Zwillingskind sollte ja eine Ibeji-Statue haben. Jessamy sah erst Tillys auf dem Bild im Boysquarter, die in ihren Träumen vorkommende Frau war aber wohl nicht die selbe, sondern das Bildnis des eigenen Zwillings, dem das echte Bildnis, in der er sich festsetzen und zur Ruhe kommen sollte, fehlte.
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lena_s
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Re:Die Frau mit den langen Armen... - 13/02/2009 16:09also ich würde dir jetzt echt gerne antworten, ich bin aber auf dem sprung ins waldviertel. dort warten das holz und die hacke. internet habe ich nicht. ich kopiere mir jetzt deine psotings ins word, damit ich sie am wochenende in ruhe studieren und meinen part schreiben kann. am montag hast du meine antwort. so long, lena
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Johanna
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Re:ikarus mädchen - oyeyemi - 15/02/2009 11:45Zur Stelle mit dem Feind: Im Original steht da: "Why didn't you tell me about Fern?" she whispered into his shirt. Her grandfather put his hands on her shoulders. He sounded troubled. "We don't do things that way, Wuraola. When someone dies, it's a special thing, almost a secret. If someone dies badly or too young, we say that their enemy has died. There is no way to say these things directly in English. ..."
Es ist nicht der Feind des Verstorbenen, der da gestorben sein soll. "Their" ist nicht "sein", sondern "ihr", nämlich Feind derer, die den Verlust erlitten haben, denen man den Tod des Familienmitglieds mitteilen muss.
Man läßt den Tod nicht an die Familie heran, sondern wendet ihn ab, indem man den Verstorbenen nicht als Teil der Familie, sondern als "Feind" ansieht. Nicht die geliebte Tochter ist verstorben, sondern jemand anderer, der nicht Teil der Familie war, der sterben musste, weil er nicht herein passte, weil er nur Schaden angerichtet hätte.
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