ANNAS   AFRIKANISCHE  AUTOREN   
Menü
Start
Länder
Anthologien
Links
Diskussion
Gästebuch
Disclaimer
Impressum
Suche

Advertisement


Neu !!
aktuelle
Neuerscheinung:
Jamal Mahjoub
 
aktuelle
Neuerscheinung:
Wilfried N'Sonde
 
aktuelle
Neuerscheinung:
Halima Bashir
 

Neu im Forum
1: Re:GRACELAND -"I just realized something&qu... von Johanna
2: Yasmina Khadra - Die Schwalben von Kabul / Les hir von Stepsi
3: Re:The other hand von Chris Cleave von Taringa

Login Form





Passwort verloren?
Noch kein Benutzerkonto?
Registrieren
aaa.jpg

Diskussionsforum  


<< Anfang < Vorherige 1 2 3 4 5 6 Nächste > Ende >>
Dr. Kamikaze, Ayi Kwei Armah - Eindrücke - 16/02/2009 23:21 Seite 1:
Ich versuche einzuordnen, wo ich mich befinde. In Kenia?
Versuche mich damit abzufinden, dass ich es nicht sicher weiß.

Seite 2:
Ich muss in der ersten Spalte laut auflachen, bekomme ein immer beklemmenderes Gefühl um die Brust, kann - auch beim zweiten Mal - nicht flüssig weiterlesen, es wird mir schwindlig. Muss Pausen einlegen.

Seite 3:
Die Beklemmung löst sich nach und nach, ich kann zuhören, höre mir sehr Vertrautes.

Seite 4:
Es ziehen Jahre der Grübelei, Jahre des Versuchs zu verstehen, an meinem inneren Auge vorbei.
Ich denke mir, worauf will Armah hinaus? Will er es sich wirklich so einfach machen?

Seite 5:
Ich denke mir, er hat natürlich recht, auf der einen Seite. Es gibt dazu aber noch eine andere Seite.
Vergessen wir die, dann ist es eben so.

Eindrücke.
  | | Kein öffentlicher Schreibzugriff erlaubt, bitte erst registrieren!
Re:Dr. Kamikaze, Ayi Kwei Armah - Eindrücke - 20/02/2009 21:53 Nachdem sich hierzu niemand mehr meldet, zumindest nicht in absehbarer Zeit, möchte ich, bevor ich wieder alles vergessen, auch inhaltlich noch etwas zum Thema sagen.

Armah beschreibt hier eine Situation, die mir nur allzu bekannt ist, und die von ihm ebenso feinsinnig beobachtet wurde, wie er in der Lage ist, das auch in passende Worte zu fassen.
Wie auch im Roman "The Beautyful Ones are not yet Born" analysiert er hier die prekäre wirtschaftliche und gesellschaftliche Situation im heutigen Afrika, beschreibt die allgegenwärtige Korruption nicht ohne tiefes Verständnis für alle Beteiligten.

Es wären Bewegungen möglich, deutet er an, so wie in dieser Kurzgeschichte, in der es der jungen gebildeten und ambitionierten Wirtschaftswissenschaftlerin in kürzerster Zeit gelang, eine Bewässerungsanlage in Gang zu setzen, die bisher trotz staatlicher Finanzierungsversuche brach lag, wenn denn das Geld nicht immer versickern würde, wenn sich nicht immer Einzelne daran bereichern würden.

Nichts von dem, was er da beschreibt, ist unrichtig. Nichts davon kann man leugnen oder verniedlichen. Nur, es gibt dazu noch eine andere Seite, die hier nicht angedacht wurde:

Gesetzt den Fall, diese Korruption würde es nicht geben, gesetzt dem Fall das Geld würde wie geplant verwendet, würde es denn reichen, die Arbeiter so zu bezahlen, dass es zum Leben reicht?
Frau "Dr. Kamikaze" selbst hat das Projekt zu Ende gebracht, indem sie Leute anheuerte, die Leute anheuerten, die die Arbeit gratis verrichten, junge Leute, Volontäre. Das ist keine Lösung.

Angesprochen wird auch die Situation der Schulen.
Es könnten, auch bei höchster Tugend der Politiker, nicht überall GUTE Schulen aus dem Boden schießen. Diese in der Kurzgeschichte ebenso beschriebenen Halbschulen produzieren Halbgebildete.
Die Schulabgänger dieser Anstalten haben dann mit noch so gut gemeinten und durchfinanzierten Regierungsprogrammen im Bereich der Landwirtschaft nichts am Hut. Sie wollen in die Stadt, wollen Bürojobs, wollen ein angenehmes Leben ohne Sand und Schweiß.

Würde man also solche Bewässerungssysteme wirklich installieren, würde sich niemand finden, damit Ackerbau zu betreiben, zumal einem die Bewässerung ja nicht die Schwerarbeit abnimmt. Zum Traktor um 80.000€ pro Stück für einen Landwirt reicht es noch lange nicht.

Das Problem snd nicht einfach nur die Wenigen, die die guten Plätze an sich reißen, sondern es geht viel tiefer, vernetzt sich zum Schluss noch mit hier, wenn man denn dort wirklich im Stande wäre, mit guten Schulen gut ausgebildete Menschen zu "produzieren". Denn die fänden dann trotz guter Ausbildung und eines hohen Wissensstandes keinen geregelten Arbeitsmarkt vor, der sie aufnimmt, und in dem sie produktiv sein könnten, denn jede Produktion braucht auch einen Absatz. Wo würde sich ein Markt finden, für dort produzierte Güter?

Je weiter man diese Denkschiene verfolgt, desto weiter schraubt sie sich in die Untiefen der Unmöglichkeit, und dann bleibt am Ende nur noch die Resignation, und der Status quo als ein möglicher, wenn auch nicht guter Weg, denn auch jede "positive" Änderung würde letztendlich nichts Grundlegendes ändern.

*seufzt*
  | | Kein öffentlicher Schreibzugriff erlaubt, bitte erst registrieren!
Schlüsselszene - 21/02/2009 19:04 Für mich ist die Schlüsselszene dieser Geschichte die, in der Doctor Kamikaze, damals noch Schulmädchen, das Team ihrer Schule zu einem Sportfest an einer anderen Schule begleitet, die viel ärmer ist ihre eigene. Die Unzulänglichkeit dieser Schule, besonders im Vergleich zu ihrer eigenen, erschüttern und ängstigen sie. Ungeübt im Benutzen der primitiven Toilette beschmutzt sich das Mädchen sich mit Urin und versucht anschließend, die Urinflecken abzuwaschen, während sie ihre erfolgreichen Kameradinnen auf dem Sportplatz die Schulhymne singen hört.

Diese Hymne hört bei das Mädchen wieder bei der jährlichen Preisverleihung an ihrer Schule, bevor sie ein Podium besteigen soll. Während sie die Hymne hört, spürt sie wieder die Urinflecken – Sinbild für ihre Zweifel an einem System, das die eigene Schule so viel besser ausstattet als viele andere, und das damit ihr alle Möglichkeiten eröffnet, während die Mädchen an unterprivilegierten Schulen keine vergleichbaren Chancen haben - und ist sich sicher, die letzte, hohe Stufe zum Podium nicht erklimmen zu können. Die aufkommenden Zweifel aber weichen, als eine Applaus erklingt – von der Welle des Applauses wird sie die Stufen hochgetragen, während ihre Zweifel und ihre Panik wie weggespült werden.

Diese Hymne klingt Doctor Kamikaze in den Ohren, als sie den Staatspalast verlässt, nachdem der Präsident ihr die Position des Regional Development Agents anvertraut hat und sie damit zum Teil der Umsetzung eines Entwicklungskonzeptes macht, das sie selbst für völlig absurd hält. Der Klang der Hymne, so heißt es an dieser Stelle, „made her infinitely sad“.

Und diese Hymne sowie den Applaus hört Doctor Kamikaze schließlich am Ende der Geschichte, als sie vom Präsidenten wieder weggelobt wird, diesmal zu den Vereinten Nationen nach Genf: „She heard applause, not in her mind’s ear, but all over her body. It was mingled with almost-forgotten phrases from school songs, the sound rising in a friendly wave that lifter her away from the present place and moment, beyond the prevalence of failure.”

Mit diesem immer wieder aufgegriffenen Bild erklärt Armah für mich auf sehr subtile und deshalb umso wirksamere Weise, wie es kommen kann, dass ein junger, engagierter, kritischer Mensch Teil des Systems wird, dem er doch eigentlich kritisch, gegenübersteht, das er doch eigentlich ändern will. Wenn es in dieser Kurzgeschichte so etwas wie eine „Message“ des Autors an seine Leser gibt, dann ist es für mich das.
  | | Kein öffentlicher Schreibzugriff erlaubt, bitte erst registrieren!
Re:Dr. Kamikaze, Ayi Kwei Armah - Eindrücke - 21/02/2009 19:10 Johanna schrieb:
Seite 1:
Ich versuche einzuordnen, wo ich mich befinde. In Kenia?
Versuche mich damit abzufinden, dass ich es nicht sicher weiß.


Warum ist das wichtig?

Seite 4:
Es ziehen Jahre der Grübelei, Jahre des Versuchs zu verstehen, an meinem inneren Auge vorbei.
Ich denke mir, worauf will Armah hinaus? Will er es sich wirklich so einfach machen?


Was meinst Du mit "so einfach"? Worint siehst Du denn die so unglaublich einfache Botschaft?


Seite 5:
Ich denke mir, er hat natürlich recht, auf der einen Seite. Es gibt dazu aber noch eine andere Seite.
Vergessen wir die, dann ist es eben so.


Armah mag mit dieser Geschichte vieles beabsichtigt haben, aber sicherlich nicht, ein umfassendes und abschließendes Bild der Entwicklungspoblematik Afrikas zu zeichnen. Natürlich gibt es eine andere Seite. Nein, es gibt viele andere Seiten. Mit einer Kurzgeschichte kann man nur einen oder wenige ganz kleine Aspekte aufgriefen. Mal ganz abgesehen davon, dass eine Kurzgeschichte eben das ist - eine Geschichte - und kein entwicklungspolitischer/-ökonomischer/-theoretischer Essay.
  | | Kein öffentlicher Schreibzugriff erlaubt, bitte erst registrieren!
Re:Dr. Kamikaze, Ayi Kwei Armah - Eindrücke - 21/02/2009 19:28 Nichts von dem, was er da beschreibt, ist unrichtig. Nichts davon kann man leugnen oder verniedlichen. Nur, es gibt dazu noch eine andere Seite, die hier nicht angedacht wurde:

(...)

Frau "Dr. Kamikaze" selbst hat das Projekt zu Ende gebracht, indem sie Leute anheuerte, die Leute anheuerten, die die Arbeit gratis verrichten, junge Leute, Volontäre. Das ist keine Lösung.



Mal abgesehen daovn, dass wir beim Lesen dieser kurzen Geschcihte sicherlich nicht sagen können, was Armah nun "angedacht" hat und was nicht - den letzten Punkt spricht er doch aber ausdrücklich an. Auf Seite 38, drittte Spalte, drittletzter Absatz:

"Working with this generous line of people stretching down the mountainside, the RDA felt her thoughts blocked by the knowledge that only she and a handful of bureaucrats would draw salaries from the common work."
  | | Kein öffentlicher Schreibzugriff erlaubt, bitte erst registrieren!
Re:Dr. Kamikaze, Ayi Kwei Armah - Eindrücke - 21/02/2009 19:42 Helga schrieb:

Mal abgesehen daovn, dass wir beim Lesen dieser kurzen Geschcihte sicherlich nicht sagen können, was Armah nun "angedacht" hat und was nicht - den letzten Punkt spricht er doch aber ausdrücklich an. Auf Seite 38, drittte Spalte, drittletzter Absatz:

"Working with this generous line of people stretching down the mountainside, the RDA felt her thoughts blocked by the knowledge that only she and a handful of bureaucrats would draw salaries from the common work."


Das stimmt wohl.

Und was nun? Teil des Systems werden?

Einer der korrupten Herrn, der Dr. Kamikaze die Sachlage in seinem Sinn erklärte, sagte richtig, dass sie es im Grunde schon immer war, nämlich Teil des Systems.

Vielleicht zeigt Armah in erster Linie auf, wie sehr man sich etwas vormacht, wenn man denkt, man wäre anders.

Übrigens:
dass wir beim Lesen dieser kurzen Geschcihte sicherlich nicht sagen können, was Armah nun "angedacht" hat

Ich schrieb:
"Nur, es gibt dazu noch eine andere Seite, die HIER nicht angedacht wurde:..", also in dieser Kurzgeschichte.

Die Seite, von der ich spreche, ist die, dass es auch ohne Korruption der privilegierten Schicht nicht besser würde.
  | | Kein öffentlicher Schreibzugriff erlaubt, bitte erst registrieren!
<< Anfang < Vorherige 1 2 3 4 5 6 Nächste > Ende >>