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1. Nigerianisches ist schlecht, alles weiße gut. - 11/06/2005 10:12 ("provokanter" Titel, ich weiß)


Ich habe das Buch begonnen und mich ziemlich bald an Wiwas "In the shadow of a martyrer" erinnert gefühlt.
Noch ein Buch, in dem ein Kind seine lieblose Kindheit mit einer verängstigten/unterdrückten Mutter (was bei Wiwa ja nicht so war) und einem eher kalten, seine Zuneigung nur zu besonderen Anlässen verteilenden Vater beschreibt.
Solche Bücher habe ich schon des öfteren gelesen und mit Verlaub gesagt, es ist nicht so "mein Ding".

Das Muster was auch in diesem Buch vorherrscht, ist, dass die Kinder sich die "Liebe" oder besser das "freundliche Herunterschauen und eine nette Geste verteilen" ihres Vaters erarbeiten müssen, indem sie das "Richtige" sagen und tun.
Die Zuneigung der Mutter ist dauerhaft vorhanden und deshalb scheinbar nicht so "wertvoll".
Für den Menschentypus des Vaters gibt es glaube ich den Begriff des "Soziopathen"- und ich denke er passt.


Da ich die Geschichte an sich bis jetzt nicht so spannend finde, möchte ich mich eher auf einige Punkte "stürzen", die ich interessant finde.

Da wäre zum Beispiel auf Seite 13: ....he (der Vater) asked, entirely in Igbo. A bad sign. He hardly spoke Igbo, and although and I spoke it with Mama at home, he did not want us to speak it in public. We had to sound civilized in public, he told us; we had to speak English.

Hier beginnt ein Motiv, dass an mehreren Stellen auftaucht. Der Vater will zivilisiert sein und lehnt sein kulturelles Erbe fast vollständig ab. Anbetung von Götzenbildern und Bauerntölpeltum.
S. 46 Papa changed his accent when he spoke, sounding British just as he did when he spoke to Father Benedict. He was gracious, in the eager-to-please way that he always assumed with the religious, especially with the white religious.

Auch hier wieder das Motiv des sich anbiederns an den "Höherstehenden", den Weißen.

Doch auch "Papa" genießt es, dass man sich ihm anbiedert (S. 60) Papa liked it when the villagers made an effort to speak English around him. He said it showed, thay had good sense.

Witzig finde ich, dass er die alten Traditionen ablehnt, weil Götzenverehrung und fast so etwas wie "Barbarentum"- aber den Titel des "Omelora" nimmt er an.
Natürlich nur unter seinen, "weißen, religiös unbedenklichen" Bedingungen - aber dennoch.



Auch aus der Familie meines Mannes weiß ich, dass dort zumindest früher, nur Englisch gesprochen wurde, weil es eben zeigte, dass man was besseres war.
Besser= möglichst nichts´"nigerianisches"?
Dieses Motiv wird ja nicht nur bei der Sprache deutlich, sondern in der Teezeremonie ebenso wie in der Art des richtigen Gottesdienstes.

An irgendeiner Stelle wird die Beliebtheit eines Priesters unter anderem damit begründet, dass er sehr hell sei.


Ich frage mich, ob das tatsächlich so in dieser Bedingungslosigkeit stehen gelassen werden kann: alles was weiß ist, ist gut, alles "traditionelle" schlecht.
Und ich meine damit nicht, ob das als meine Meinung so stehen gelassen werden kann, sondern als allgemeingültig für die damalige Zeit.
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Re:1. Nigerianisches ist schlecht, alles weiße gut. - 11/06/2005 11:10 ich sehe das ganz anders.

für die autorin ist die abgeschlossenheit im vaterhaus und ausgrenzung aus dem "normalen" nigerianischen leben ein mittel, nigeria so zu beschreiben, dass es für einen aussenstehenden sichtbar wird.

hätte sie die handlung direkt in den "normalen" tagesablauf eingebunden, wäre diese vermittlung sehr viel schwieriger gewesen.

der besonders bei den igbos oft stark ausgeprägte erzkonservative katholizismus ist ein symptom des kolonialismus.

die westliche bzw. religiöse erziehung hat die dort herrschenden strukturen gründlich umgestülpt, was unten war, kam nach oben, was oben war, nach unten.

wie aus dem leben des vaters ersichtlich wäre er ohne die erziehung durch missionare nichts geworden, kommt aus ärmlichen verhältnissen und hält deshalb diese werte hoch.

es ist normal, für einen derartigen aufschwung einen grund zu finden, ähnlich wie hier angenommen wird, demokratie würde automatisch zum wohlstand führen.

aber tina, du springst ein wenig zu weit für den anfang.

das buch gibt schon mehr her als nur ein verzerrtes familienbild...
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Re:1. Nigerianisches ist schlecht, alles weiße gut. - 11/06/2005 12:59 An irgendeiner Stelle wird die Beliebtheit eines Priesters unter anderem damit begründet, dass er sehr hell sei
das war kein priester, sondern kambilis großvater mütterlicherseits, der sehr hell und grünäugig war, etwas, was ich schon mal im forum beschrieben hatte, als argumentiert wurde, alle "schwarzen" seinen wirklich dunkelhäutig.

hellhäutige menschen und solche mit europäischen zügen wurden von den missionaren bevorzugt, etwas, was in ruanda später zu großen problemen geführt hat.

basis des ganzen: die bei mir so beliebten rassenlehren.

das sich nicht wirklich viel verändert hat zeigen unter anderm schönheitswettbewerbe, bei denen europäisch wirkende teilnehmer aller "rassen" immer besser abschneiden als andere.
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Re:1. Nigerianisches ist schlecht, alles weiße gut. - 11/06/2005 17:17 joan schrieb:
für die autorin ist die abgeschlossenheit im vaterhaus und ausgrenzung aus dem "normalen" nigerianischen leben ein mittel, nigeria so zu beschreiben, dass es für einen aussenstehenden sichtbar wird.

D.h. du meinst, es wäre eine Art "Stilmittel"? Ich hatte es so verstanden, dass es ihre Lebensgeschichte sei und nicht fiktiv.


wie aus dem leben des vaters ersichtlich wäre er ohne die erziehung durch missionare nichts geworden, kommt aus ärmlichen verhältnissen und hält deshalb diese werte hoch.

Nun springst du aber joan. Das eine ist es, jemandem etwas zu verdanken und das andere ist es, einer Idee oder einem Glauben blind zu folgen. Sicherlich ist es immer ein Generationenproblem. Auch bei der Integration von Ausländern (wenn mir dieser kurze Exkurs erlaubt ist) ist es in der Regel so, dass die erste Generation sich versucht bestmöglich zu assimilieren oder unauffällig zu sein, die zweite opponiert gegen das "Gastland" und man sagt, dass erst in der dritten Generation eine echte Integration stattfindet. (aber hier sind wir wieder beim Expertentum

Ich meine: ich kann jemandem viel (oder meinetwegen auch alles) verdanken und muss trotzdem nicht sklavisch jeder Idee hinterherrennen.
Das es anders geht, sieht man ja auch an den Leuten, die zum Weihnachtsfest in das Haus kommen, dem Papa huldigen und dann nach Hause gehen und "ihr Ding" machen.


aber tina, du springst ein wenig zu weit für den anfang.
das buch gibt schon mehr her als nur ein verzerrtes familienbild...


Naja ich finde nicht, dass ich zu weit springe, ich wollte einfach die Diskussion mal starten - und die ersten Seiten waren jetzt für mich schon interessant, aber irgendwie nicht so recht "diskussionsbedürftig".

Und was meinst du mit verzerrtes Familienbild? Habe ich es verzerrt dargestellt oder ist es eine verzerrte Familie?

Und welche früheren Punkte findest DU diskussionwürdig? (vielleicht dann in einem neuen Thread?)
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Re:1. Nigerianisches ist schlecht, alles weiße gut. - 11/06/2005 17:49 ich habe diesen roman eignetlich nicht für autobiographisch gehalten.

ich sehe ihn es als einen versuch, nigeria in seiner vielfalt einem nicht-nigerianer so nahezubringen, dass er einen relativ klaren, wertfreien einblick bekommt.

als ausgangspunkt eignet sich eine fundamentalistische christliche familie ganz gut, weil sie einerseits abgesondert von der übrigen gesellschaft ist, anererseits deren lebensweise in vielen kreisen, besonders auch in den USA, hinlänglich bekannt ist.

dadurch dass kambili und ihr bruder nigeria als solches selber erst kennenlernen, wird es dem leser näher gebracht.
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Re:1. Nigerianisches ist schlecht, alles weiße gut. - 11/06/2005 19:02 ich habe übrigens einen kleinen "fehler" entdeckt, eine sollbruchstelle?

oder doch mit absicht als abgrenzung gegen nicht-afrikanische schwarze?

ein katholischer fundamentalist, der nur die weißen für echt gläubig hält, würde seinen kinder nie "native names" geben.

sie würden statt "kambili" und "chukwuka" "ruth" oder "judith" und "reuben" oder "moses" heißen...
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